Liebe Zuhörer,
Kultur ist ein Spiegel der Gesellschaft.
Sie ist der Versuch, dem menschlichen Leben auch ästhetisch und in formaler Gebundenheit eine Gestalt zu geben. Wenn ich unsere Katze beobachte, wie sie ihrem Leben Gestalt gibt, so beschränkt sich das auf Jagen, auch in spielerischer Form, fressen, Schlafen und dem Genuss von menschlicher Zuwendung ab und zu. Ihr genügt das.
Selbst dem schlichtesten Gemüt unter uns Menschen genügt das nicht. Immer kommt dazu Musik, wenn vielleicht auch in sehr schlichter Form, immer kommt dazu Malen, und seien es nur Kritzelbilder und Logos, immer kommt dazu Spiel, und sei es das einfache Spiel mit dem Mobiltelefon, immer kommt dazu Ästhetik, und sei es nur die Verzierung des Autos, immer kommt dazu das Element des Schauspiels, und sei es die Selbstinszenierung durch den Auftritt in bestimmter Kleidung. Immer kommt dazu das Moment der Religion, und sei es nur die Engelsfigur auf dem Wohnzimmerschrank oder die DVD Sammlung mit Schwarzeneggerfilmen, Arnie ist ja die Inkarnation des gerechten Gottes, der ohne wenn und aber und ohne viel Gelaber die Guten schützt und die Bösen abstraft.
Menschsein ohne kulturelle Äußerungen gibt es nicht.
Menschsein ist jedoch nicht statisch.
Es gibt wohl menschliche Grundkonstanten, die Sigmund Freud in seiner Trieblehre ganz gut beschrieben hat und die von Neurobiologen wie Singer oder Roth mehr und mehr auch naturwissenschaftlich bestätigt werden.
Aber dazu kommen vor allem im ästhetischen Bereich eine Menge Variablen. Diese Variablen entstehen aus der Verschiedenheit der Moral und Wertvorstellungen von Gesellschaften. Nehmen wir mal das eher puritanisch geprägte, durch starke Eingrenzung des Sexuellen geformte empfinden der USA und die daraus resultierende Ästhetik des „Big is beautiful.“ Inkl. Waffenkult. Oder die so ganz andere, von wenigen aber strengen Tabus geprägte Gesellschaft der Südsee mit ihrer blumigen Ästhetik und gleichzeitig einer Ästhetik der furchterregenden Fratzen, in denen das, was nicht sein darf gebannt ist.
Und wo sind wir heute? Everything goes? Nein, glaub ich nicht. Es gibt Dinge, die macht man heute nicht mehr oder ganz anders. Nehmen wir diese Kirche als Ausdruck der Ästhetik und der Kultur bürgerlichen Empfindens des 19. Jahrhunderts. Farb und Materialauswahl wirken gediegen. Etwas Gold, aber sparsam, nicht protzen. Protestanten protzen nicht. Klare Ausrichtung, formierte Gesellschaft, oben der Rat und die Kapitäne, das Volk unten, alles blickt zur Kanzel, dem Lehrstuhl und der moralischen Instanz der Stadt. Der Altar ist nicht so wichtig. Heute würde man halbrund bauen. Ausrichtung zum Altar im Halbkreis. Amphitheater-Ästhetik. Kanzel wäre ein Pult ebenerdig an der Seite. Statt Bänke würde man Bestuhlung wählen, flexibel muss es sein. Variabel. Farbwahl, Wahl der Hölzer: man wäre deutlich experimentierfreudiger, es muss nicht vornehm-gediegen wirken, sondern den Himmel oder unsere Himmelsfantasien bedienen. Wellness Anklänge würden durchaus Beachtung finden, Geruchsschalen evtl. Spielereien mit Licht oder Wasser wären nicht undenkbar.…Ganz anders das Mittelalter, als dieses Haus gebaut wurde. Keine Stühle und Bänke, hier geht man nicht zur Lehrstunde und auch nicht zur „Ich tu mir mal was Gutes Andacht“, sondern zur Messe und zum Gebet. Altarraum erhaben, mit Gitter abgetrennt, nur zum Empfang der Hostie geöffnet. Unter der Altarplattform die Gräber der Würdenträger, so ist das Fegefeuer kurz und der Himmel frei. Kleine Heiligen Altäre in den Ecken für das Alltagsgebet, die fünf Minuten für die Seligkeit hat auch der Ärmste immer übrig am Tag. Der Weg zum Altar vor dem Gitter wird bewacht von einem großen, sehr leidenden Christus, dessen Blut das Holz hinunterläuft. Der geschundene Mensch, so die Alltagserfahrung, kehrt in der Ästhetik wieder Bevor Du den Himmel betrittst, um die Hostie zu empfangen, gehst Du unterm Leid des Lebens hindurch. So war das Alltagsleben ja auch tatsächlich.
Drei Zeiten, drei verschiedene Lebenserfahrungen, drei verschiedene Ästhetiken, drei verschiedene Kulturen, und alles in einem Land.
Kultur ist ein Spiegel der Gesellschaft.
Und wo geht die Reise hin? Kulturell meine ich. Ästhetisch betrachtet.
Nun, sehen wir auf unsere Fußballnationalmannschaft, dann ahnen wir die Richtung.
Unsere Ästhetik wird bunter, spielerischer, östlicher, südlicher. Der Abschied von der Westfixierung nach dem zweiten Weltkrieg ist eingeläutet. Orientalische Harmonien sind uns heute in den Ohren nicht mehr fremd, die Ästhetik Moskauer Zwiebeltürme und Istanbuler Minarette spricht uns an. Und doch wird am Ende eine Liebe bleiben zum Geradlinigen. Am Ende, nach allen Haken und Ösen, muss der Ball ins Tor, am Ende muss das Auto fahren, am Ende muss die Musik taugen zum Hören und Tanzen, die Promenade zum Promenieren, das Gebäude zum Leben und das Buch zum Lesen taugen. Am meisten gefordert wird wohl die bildende Kunst sein, die sich kommentierend mit Streetview und Taliban, mit Gameshow und Shanghai, mit den Khediras auf dem Platz und den Khediras, die ihre Frauen verprügeln, auseinandersetzt. Es gibt da vor Allem im Bereich der Videoinstallationen und Klips Arbeiten von Künstlern, da bleibts Dir im Halse stecken. Übrigens findet ein guter Teil bildender Kunst schon heute nicht mehr in Galerien statt, sondern auf YouTube.
Und die Religion als Ausdruck der Kultur und Ästhetik?
Ich lehne mich mal aus dem Fenster. Amerikanischer Jesus-ist-Sieger-Fundamentalismus bleibt in Europa eine Randerscheinung. Uns fehlt da die puritanische Triebunterdrückung, um dafür einen Nährboden zu haben.
Sünde wird mehr und mehr begriffen werden als Gefühlskälte, der Begriff wird sein moralisch-bürgerlichen 19.Jahrhundertanstrich verlieren. Der Glaube wird mystischer werden und mehr und mehr begriffen werden als Hilfe zur Stärkung der Empfindsamkeit und Seelenkräftigung. Die Symbole und Gerüche kehren zurück, Tendenzen der griech. und russischen Orthodoxie werden auch im Evangelischen Einzug halten. Man wird nicht mehr zur Lehrstunde, sondern zum Erbauungserlebnis die religiösen Orte, nicht nur Kirchen- aufsuchen. Man wird auch keine Lehrpredigten mehr halten, sondern auch die religiöse Rede wird sich am YouTube Clip orientieren und Gefühle vermitteln wollen. Stichwort: Lehre zu Ostern nicht die Auferstehung, sondern gib ihnen Kraft zum Aufstehen. Lehre zu Weihnachten nicht die Menschwerdung Gottes, sondern schenk ihnen Menschlichkeit und erwecke in ihnen Gott.
Und jetzt verrate ich Ihnen noch ein Geheimnis: Alles ist immer anders und immer neu und alles ist im Wandel und alles war doch auch immer schon mal da. Der youtubeclip und das Mysterienspiel, der Glaube als Weg zur Empfindsamkeit und die Innigkeit mancher Gesangbuchlieder, und der Berliner Hofprediger Schleiermacher bezeichnete schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Religion als Gefühl und Geschmack fürs Unendliche und als zarte Provinz im menschlichen Gemüte. So schön kann es der Bremer Neurobiologie Roth nicht ausdrücken, aber er wird dem zustimmen.
Wir beginnen also nie bei Null und nie ohne Tradition. Auch in den anderen Bereichen der Kultur wird das ähnlich sein. Und das ist gut so.
Danke für ihre Aufmerksamkeit.
P.C. Sauerberg